Katze Mama Clochy – Und wer entscheidet über Leben oder Tod? Der Mensch oder sein Tier?

Fallbeispiele

Mama Clochy war die letzte Katze, die nach unserem Umzug im Jahr 2017 nach Baldegg plötzlich vor dem Stall sass. Sie war völlig zerzaust und hatte einen dicken, verwurmten Bauch. Wir schätzten sie auf etwa elf bis zwölf Jahre. Sobald sie mich oder einen anderen Menschen sah, rannte sie davon, selbst wenn wir noch weit entfernt waren. Erst ein Jahr später, als sie sechs Kätzchen zur Welt brachte, verlor sie allmählich ihre Scheu und wurde von Jahr zu Jahr zutraulicher. In den letzten zwei Jahren ihres Lebens auf Erbsrüti durfte ich sie sogar streicheln. Und nicht nur ich, sogar mein Mann Eric, der sonst selten das Vertrauen scheuer Katzen gewinnt.

Normalerweise bin ich fürs Kastrieren. Doch sie konnte ich nie einfangen, und so gab ich ihr während ihrer „heissen Tage“ die Pille. 2022 wurde sie trotzdem wieder trächtig, weil ich mit der Pille etwas zugewartet hatte. Im Mai dieses Jahres brachte sie zwei kleine Buben zur Welt, die sie unglaublich liebevoll aufzog. Jeden Tag bin ich dankbar, dass diese zwei lustigen, robusten Kater, Reza und Musil, bei uns sind. Sie waren es auch, die Mama Clochy in den kalten Tagen abwechselnd wärmten, indem sie sich unter sie kuschelten.

Doch ihre Sinne liessen immer mehr nach. Sie hörte kaum mehr, schliesslich gar nichts mehr, und sah nur noch wenig. Aber sie wusste genau, was sie tat und wohin sie ging. Sie kannte ihr Umfeld wie wir unsere eigenen Hosentaschen. Tagsüber sass sie auf dem Bänkli vor dem Stall und beobachtete die Vögel. Sie ging weiterhin aufs Feld, um Mäuse zu jagen. Ob sie je eine fing, konnte ich nicht sagen, doch sicher brachte die eine oder andere Katze ihr mal eine in den Stall. Sie begrüsste übrigens jede Katze liebevoll und schleckte ihr über die Stirn, selbst meiner.

Der Bauer machte seine Witze. Für mich war jedoch klar: Solange Mama Clochy frisst und ihr Zuhause geniessen kann, darf sie so alt werden, wie es für sie stimmt.
Letzten Winter begann sie ab und zu zu husten und brauchte noch mehr Wärme ihrer Familie. Auch die zwei älteren Töchter, Lani und Fini, schliefen oft eng an sie gekuschelt. Alles in allem kam sie aber gut mit ihren Schwächen zurecht. Da sie noch nie in ihrem Leben einen Tierarzt gesehen hatte – das wäre für sie ein absoluter Schock gewesen – pflegte ich sie selbst. Mit Homöopathie konnte ich ihr zum Glück Erleichterung verschaffen, sodass sie wieder für ein paar Wochen hustenfrei war. Sie genoss meine Hände auf ihrem Körper und dass ich viel mit ihr sprach. Manchmal musste ich weinen: Was, wenn sie nicht mehr da ist? Immer wieder dankte ich ihr und fühlte mich mit ihr in einer Art Komplizenschaft verbunden. Oft sagte ich: „Das schaffen wir, wir zwei Mamis!“ Sie hat mir so viel geschenkt. Insgesamt leben sechs ihrer Kinder auf Erbsrüti, und auch die anderen zugelaufenen Katzen, ausser Manucci, müssen irgendwie mit ihr verwandt sein: Onkel, Tanten, Halbgeschwister, Cousins und Cousinen.

Ende Oktober dieses Jahres bemerkte ich, dass sie immer weniger frass. Ich wusste: Diesen Winter wird sie nicht mehr überstehen. Vier Tage vor ihrem Tod nahm sie nur noch den Liquid Snack und Wasser zu sich, und erbrach selbst das. Ich litt mit ihr, und das spürte sie, denn sie versuchte dennoch, ein paar Schritte mit uns zu gehen. Am dritten Tag kam das grosse Aufbäumen. Eric sagte: „Schau, das ist doch Clochy!“ Wir trauten unseren Augen kaum. Sie spazierte zur Hecke in Richtung Schlucht – über 300 Meter weit! Sie verschwand in der Hecke beim Bach. Suchte sie einen Sterbeplatz? Nein, sie kam wieder hervor. Langsam spazierte sie hinauf und setzte sich gemütlich ins Feld. Sie sog alles nochmals in sich auf. Mit dem Feldstecher sah ich, wie ihr Gesicht sich verjüngte, als wäre sie wieder eine junge Katze. Dann kam sie in unseren Garten, sprang mit voller Kraft auf den Kompost und legte sich für eine Siesta auf die Feigenblätter. Danach machte sie eine ganze Runde durch den Garten, immer wieder mit kleinen Pausen. Der anschliessende Weg zum Stall musste ihr letzter gewesen sein. Am nächsten Tag stand sie nicht mehr auf. Als ich mittags erneut zu ihr ging, lag Kätzin Fini bei ihr. Ich streichelte sie und sagte: „Mama Clochy, du darfst jetzt loslassen. Auch wir müssen loslassen, in grosser Dankbarkeit.“
Es kamen drei Miaus aus ihr, die ersten beiden leidend, der dritte ganz zart und erleichtert. Etwas später, als ich nochmals in den Stall ging, war sie friedlich eingeschlafen. Das war am 10. November 2025, ein paar Stunden später verstarb mein Schwiegermami.

Ich habe immer wieder mit Mama Clochy kommuniziert und sie gefragt, ob sie Hilfe braucht oder ob ich einen Arzt holen soll. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie leiden muss. Doch sie hat mir klar geantwortet: Nein, ich gehe, wenn ich bereit bin.
Ich gebe zu, ich habe gelitten. Es ist kein schöner Anblick, wenn es einer Katze schlecht geht. Aber wer entscheidet über ihren Tod?
Wir würden ja auch bei einem Menschen nicht eingreifen, ausser mit schmerzlindernden Mitteln. Wenn ein Tier jedoch grosse Schmerzen aufgrund einer tödlichen Krankheit hat, ist eine Euthanasie in den meisten Fällen klar. Ein guter Tierarzt weiss, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Doch am Ende entscheidet der Mensch. Ist das richtig?

Szenario: Hätte ich Mama Clochy zuvor zum Tierarzt gebracht, hätte er gefragt: „Wie alt ist sie?“ Ich: „Gegen zwanzig.“ Er: „Ich glaube, es ist besser, sie zu erlösen.“
Meine Gedanken dazu: Sie hätte nie diesen für sie so wichtigen Spaziergang machen können, den grossen Abschied von ihrem irdischen Paradies. Fast zwanzig Jahre muss sie hier auf Erbsrüti gelebt haben: zahlreiche Katzenkinder geboren und in der Natur überlebt haben. Dieser Spaziergang, bei dem sie die Luft und das Licht nochmals in all ihrer Schönheit in sich aufnahm, war entscheidend für das dritte, zarte Miau, das sie mir schenkte, bevor sie für immer einschlief. Weder sie noch ich hätten diese wertvolle Zeit missen wollen.

Was für ein herzerwärmender Anblick aus unserem Stubenfenster! Mama Clochy auf ihrem Bänkli fehlt – und doch bleiben wir miteinander verbunden.

Vor ein paar Tagen erzählte mir übrigens eine Freundin von ihrem alten Kater. Er hatte einen schlimmen Unfall: Beckenbruch. Doch sie wollte abwarten. Der Tierarzt gab Schmerzmittel, und gemeinsam päppelten sie ihn auf. Nach einer Woche stand er aus eigener Kraft auf. Er wollte weiterleben. Zum Glück waren die entscheidenden Nerven unverletzt. Er hinkt jetzt ein wenig, aber sonst geniesst er sein Leben wie zuvor. Geduld und Abwarten sind bei Tieren immer wieder gefragt. Wenn man sein Tier gut beobachtet, in der Stille hinhorcht und ihm eine Frage stellt, spürt jeder Mensch, was für ein Wunsch sein Tier hat. Manchmal vergessen wir, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch Tiere eine eigene Verantwortung für ihr Leben tragen. Und wir vergessen, dass Katzen sieben Leben haben, und magische Wesen sind.